Gruß vom Zuckerhut

8.6.2011

Neuer Verlag für deutsch-brasilianische Theaterstücke

Die Verlagsgründer eint die Leidenschaft für südamerikanische Kultur.

von Flo­ri­an Wel­le

Mün­chen – Sieht man ein­mal von Gast­spie­len auf dem Fes­ti­val „Thea­ter der Welt“ oder bei den Ruhr­fest­spie­len Reck­ling­hau­sen ab, ist bra­si­lia­ni­sche Gegen­warts­dra­ma­tik dem deut­schen Publi­kum immer noch so gut wie unbe­kannt. Dies könn­te sich mit dem Zucker­hut Theater­verlag ändern.AmvergangenenWochenende haben sich die Ver­lags­grün­der Ange­la Meer­mann und Tilo Esche im„Theater … und so fort“ ihres Freun­des Hei­ko Dietz einem neu­gie­ri­gen Publi­kum vor­ge­stellt und bei sze­ni­scher Lesung und Musik Ein­bli­cke in ihr Pro­gramm mit den Schwer­punk­ten Bra­si­li­en und – als zwei­tem Stand­bein – Tex­te zeit­ge­nös­si­scher deutsch­spra­chi­ger Autoren gege­ben. In Zukunft sol­len noch Jugend­stü­cke hin­zu­kom­men. Ein muti­ges Unter­neh­men, das die bei­den Lei­ter nicht etwa unter das Mot­to eines bra­si­lia­ni­schen Dra­ma­ti­kers gestellt haben, son­dern unter Hei­ner Mül­lers Aus­sa­ge: „Der Sprung macht die Erfah­rung, nicht der Schritt.“ Ken­nen­ge­lernt haben sich die in São Pau­lo gebo­re­ne, in Deutsch­land, Öster­reich und Eng­land auf­ge­wach­se­ne Ange­la Meer­mann und der Ost­deut­sche Tilo Esche vor zwei Jah­ren. Sie hat­te sich einen Namen als Über­set­ze­rin von Kunst­bü­chern und seit 2003 von bra­si­lia­ni­schen Thea­ter­stü­cken gemacht.Er als Regis­seur im Bereich Jugend­thea­ter – Esche war unter ande­rem Inten­dant des „Thea­ters der Jun­gen Welt“ in Leip­zig. Vor zwei Jah­ren also wand­te sich Esche mit einem Pro­blem bei der Umset­zung eines bra­si­lia­ni­schen Stü­ckes an Meer­mann, die bes­te Kon­tak­te vor allem in die weit­ge­fä­cher­te Thea­ter­sze­ne des Molochs São Pau­lo besitzt. Was mit die­ser Bit­te begann, mün­de­te auf­grund ihrer Lei­den­schaft für die süd­ame­ri­ka­ni­sche Thea­ter­kul­tur in die Idee, einen eige­nen Ver­lag auf­zu­bau­en. Mit allen Risi­ken. Zwei Jah­re lang will man nun die Ent­wick­lung ver­fol­gen, danach wird Bilanz gezo­gen. Fünf Stücke wähl­ten Ange­la Meer­mann und Tilo Esche aus, und was man zu hören bekam, klang viel­ver­spre­chend und soll­te bei Thea­tern und Regis­seu­ren auf Inter­es­se sto­ßen. Die The­men, die etwa Autorin­nen wie Cami­la Appel oder Lei­lah Assum­p­ção in ihren Tex­ten „Der Pan­ther“ und „Gelieb­tes Biest“ ver­han­deln, sind den hie­si­gen eng ver­wandt. Reflek­tiert wer­den Paar­pro­ble­me, die Angst vor dem Älter­wer­den und dem Tod. Exo­tisch, folk­lo­ris­tisch gar, ist hier nichts. Im Gegen­teil: Vor dem Hin­ter­grund des süd­ame­ri­ka­ni­schen Schön­heits­kults, der unse­ren bei wei­tem über­trifft, gewin­nen die Dra­men an zusätz­li­cher Schär­fe. Dar­ge­bo­ten wird das alles in schnel­len, häu­fig auch wit­zig-bösen Dia­lo­gen, die ihren Hin­ter­grund in den belieb­ten Tele­no­ve­las haben, die­se per­si­flie­ren und schon auch mal ins Absur­de kip­pen kön­nen. Ande­re Stücke wie der mehr­fach aus­ge­zeich­ne­te Ein­ak­ter „Neue Ver­ord­nun­gen für die Zei­ten nach dem Krieg“ von Bosco Bra­sil arbei­ten sich hin­ge­gen an der bra­si­lia­ni­schen Geschich­te ab. Mit Rena­to Bor­ghi, dem Mit­be­grün­der des Tea­tro Ofi­ci­na, das sei­ner­zeit das bra­si­lia­ni­sche Thea­ter revo­lu­tio­nier­te, hat man auch einen rich­ti­gen Alt­star im Pro­gramm.

ver­öf­fent­licht in der Süd­deut­schen Zei­tung Nr. 131 / Sei­te 13 R vom 8.6.2011

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