Wer Augen hat, der sehe

Companhia do Feijão / Frei zur DSE / 2 D, 3 H / Originaltitel: Mire Veja / aus dem brasilianischen Portugiesisch: Michael Kegler

mire-veja-foto-marcos-pratt-1

Tiefschwarze Bilder mit ein paar Graustufen, ohne Weiß: Mit seinem 2001 auf Portugiesisch (2012 in deutscher Übersetzung) erschienenen Roman „Es waren viele Pferde“ wurde Luis Ruffato schlagartig zu einer der wichtigsten literarischen Stimmen Brasiliens. Ruffato seziert die sozialen Verhältnisse in der Millionenstadt São Paulo und die Hoffnungen derer, die hier her strömen. Die filmisch geprägten Szenen lenken den Blick exemplarisch auf Milieus, die an ihren Rändern hart aneinander stoßen. In seinen 68 zum Roman komponierten Miniaturen spart Ruffato die Brutalität der Verhältnisse an keiner Stelle aus.
Die mit dem Autor befreundete Theatergruppe „Companhia do Feijão“ (dt: Compagnie Schwarze Bohnen) hat aus der vielstimmigen Episodensammlung ein Theaterstück entwickelt. „Mire Veja“ – Schauen Sie, sehen Sie!“ fordert der brasilianische Stücktitel so werbend wie eindringlich. Fünf Darsteller zeigen in 20 kurzen und ultrakurzen Szenen mit minimalistischen Theatermitteln vor allem ein São Paulo der Armen und Ärmsten, die nicht nur ihr Habe, sondern buchstäblich ihr Fleisch und Blut gegen Ratten und nicht nur menschliche Ausbeuter verteidigen. Junkies, Kleinkriminelle, Prostituierte teilen sich den Lebensraum Megacity mit Aufsteigern, Glücksrittern und Angehörigen einer dünnen Mittelschicht. Von denen hat mancher bereits resigniert, verweigert sich den rastlosen Anstrengungen, Wohlstand zu erlangen, zu vergrößern oder zu sichern, zieht es vor, unter der Leselampe zu sitzen – und nicht hinzuschauen.

Leseprobe

Uraufführung: 2003 im Teatro Paiol, Curitiba. Regie: Pedro Pires und Zernesto Pesso / mit  Fernanda Haucke, Jonas Golfeto, Priscila Jorge, Rodrigo Gaion und Petronio Nascimento

Foto: Marcos Pratt