Der Überfall

Zé Vicente / 2 H / Orig­inalti­tel: O Assalto / aus dem brasil­ian­is­chen Por­tugiesisch: Michaela Ulich

Ein Bankge­bäude in São Paulo nach Büroschluss: Hugo, Putzkraft, wird von Vitor, dem Angestell­ten Num­mer 5.923,800, bei der Arbeit “über­fall­en”. Bankangestell­ter Vitor hat näm­lich einen Plan: Er will mit dem Putz­mann Hugo Klei­der und Rollen tauschen und mit dem von ihm eben geleerten Inhalt des Tre­sors abhauen, während Hugo als ver­meintlich­er Bankangestell­ter von der Polizei erwis­cht wer­den soll. Also schließt sich Vitor, krän­klich, man­isch und kurz davor, entwed­er wahnsin­nig zu wer­den oder sich das Leben zu nehmen mit dem Putz­mann Hugo in seinem Büro ein und nötigt ihm ein Gespräch auf. Aber da ist noch was: Vitor, Bankangestell­ter Num­mer: 5.923,800 hat auf den vital­en Putz­mann in seinem ver­schwitzten Over­all schon lange ein Auge gewor­fen. Hugo, nicht ganz so naiv wie er tut, ist hin- und her geris­sen zwis­chen Diszi­plin ein­er­seits (er will seinen Job bei der Putz­fir­ma nicht ver­lieren) und der Wit­terung eines guten Geschäfts ander­er­seits, bleibt zunächst wehrhaft dann aber frei­willig, als Vitor ihm Geld dafür ver­spricht. Käu­flichkeit gehört zum Handw­erk­szeug seines Über­lebens. Der frus­tri­erte Angestellte, selb­st abhängig von einem sadis­tis­chen Vorge­set­zten, schüt­tet Belei­di­gun­gen und Has­sti­raden über dem Näch­stk­lassierten aus wie kurz zuvor seinen Aschen­bech­er auf den frisch geputzten Boden. Das Zusam­men­tr­e­f­fen der bei­den mutiert zum sexge­lade­nen und gewalt­täti­gen Spiel, aus dem die Sehn­sucht spricht, in die Haut des anderen zu schlüpfen und auf diese Weise ein­er degener­ierten Arbeitswelt zu entkom­men.

Urauf­führung: 1967, Rio de Janeiro / Regie: Fauzi Arap / mit Ivan de Albu­querque und Rubens Cor­rêa


2006, Gast­spiel Teatro Ofic­i­na, São Paulo, im HAU, Berlin / deutsche Über­ti­tel / Darsteller: Franser­gio Arau­ju, Har­al­do Cos­ta Fer­rari /Foto (links): Teatro Ofic­i­na, São Paulo

Presse: “Ein Wel­tereig­nis, eine exem­plar­ische Paradesto­ry aus der Käl­tepracht der soge­nan­nten Zivil­i­sa­tion – wo vor sich hin stink­ende Slums vor lauter Wolkenkratzer­schat­ten­dunkel let­ztlich gar nicht mehr zu sicht­en sind, wo Arm und Reich auf Parasym­bi­o­tis­chste in sich ver­man­schelt ihre unwirk­liche Fratze zeigen, wo der König mit den Knecht­en um die Wette ren­nt; es kön­nte sich, man glaubt es kaum, auch hier und um die Ecke zuge­tra­gen haben.” André Sokolows­ki, 2006, HAU3, Berlin, Gast­spiel des Teatro Ofic­i­na mit Der Über­fall